Juni 2016

Juni 01
Johanna, 6;9 Jahre: Tannen hinter Laubbäumen

Räumliche Darstellung eines Waldes

Das kann einfach nicht sein, war meine erste Rektion, als mir der Kollege die Waldzeichnung seiner Tochter schickte. Dass ein Mädchen von nicht einmal sieben Jahre die räumliche Überschneidung von mehreren Bäumen beherrscht, widerspricht schlichtweg jeder Erfahrung und jeder Erkenntnis von Fachleuten. 

Dass ein Bild, gleichgültig ob es sich um eine Fotografie, eine Malerei oder Illustration handelt, Johanna zu ihrer Zeichnung angeregt hat, dürfte mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit der Fall sein. Dass Johanna die Frage, ob sie das Motiv abgezeichnet habe, verneint hat, dürfte ebenfalls zutreffen, denn sie hatte das Phänomen räumlicher Überschneidung an einem Bildbeispiel wahrgenommen und in seinen wesentlichen Merkmalen erfasst, so dass eine Bildvorlage nicht mehr zwingend erforderlich ist. Auf wiederholtes Nachfragen ihrer Eltern, wo sie die Bäume abgemalt habe, reagiert sie überaus wütend, weil sie merkt, dass man ihr nicht glaubt, die Bäume aus der Vorstellung heraus gezeichnet zu haben.
Johanna stellt in die vordere Reihe ihres Waldbildes Laubbäume und dahinter Nadelbäume. Alles erscheint in sich stimmig, bis auf den zweiten Blick einzelne Ungenauigkeiten bemerkt werden. Diese liegen jedoch nicht in einer Unkenntnis begründet, sondern in den Eigengesetzlichkeiten des zeichnerischen Prozesses.

Juni 02
Mittlerer Stamm wird nicht konsequent nach unten weiter geführt.

Dass die Stämme zumindest bei den beiden Bäumen auf der hintersten Ebene (von links: erster und dritter Tannenwipfel) nicht konsequent nach unten fortgeführt werden, ist nicht in einem Missverständnis begründet, sondern durch die Dominanz eines anderen  Prinzip: der Zeichenhaftigkeit und Klarheit der Form. Denn würde Johanna den Stamm des linken Nadelbaumes in seinem senkrechten Verlauf nach unten geradlinig weiter führen, würde dessen Braun mit dem Stamm des Laubbaumes in einer braunen Fläche aufgehen. Eine Unterscheidung in zwei Stämme würde dadurch verloren  gehen.

Juni 03

Der Stamm des linken Nadelbaumes wird nicht nach unten weiter geführt.

Dasselbe Phänomen begegnet uns bei einem anderen Nadelbaum. (dritter Baum von links) Johanna verzichtet hier gänzlich darauf, den Stamm im unteren Bereich einzuzeichnen. Denn dieser würde sich sogar mit zwei Stämmen ununterscheidbar zu einer noch größeren Fläche verbinden.

Blühende Büsche im Wald:
Juni 04
Linker Rand                          Mitte
               Rechter Rand

Zwischen den Bäumen befinden sich drei blühende Büsche.  Sie bestehen aus willkürlich gesetzten grünen Linien, zwischen denen sich gelb-rote Blüten befinden.
An ihnen wird sichtbar, dass Johanna die Büsche zusammen mit der vorderen Reihe der Laubbäume zeichnet, bevor sie sich mit dem Mittel- und Hintergrund befasst. Zwischen dem linken Bildrand und dem ersten Laubbaum nutzt Johanna einen leeren Raum. In der Mitte zeichnet sie den Busch hinter einen Stamm. Am rechten Rand verhält sie sich zunächst wie am linken Rand, setzt später aber einen Stamm hinter den Busch, was als eine besondere Leistung räumlicher Überschneidung gewertet werden muss.
Mit der grünen Fläche des Waldbodens befasst sie sich erst, als mit einer einzigen Ausnahme alle Bäume gezeichnet sind. Es handelt sich bei dieser Ausnahme um den einzigen Stamm, der über das Grün gezeichnet ist.
Trotz des illusionistischen Eindrucks von Raumtiefe findet sich in Johannas Zeichnung das alterstypische Ordnungssystem der Reihung nicht nur in der Abfolge der Bäume, sondern auch in der Staffelung der Raumebenen. Die Standorte der Bäume bilden zusammen jeweils eine Linie. Zusammen mit dem oberen Abschluss des grünen Bodens ergeben sich dadurch drei klar von einander abgegrenzte Raumebenen. Die Büsche fügen sich dabei der zweiten Raumebene ein und betonen diese sogar in besonderer Weise.

Das Interesse von Johanna ist primär auf die Räumlichkeit gerichtet, was sie auch gegenüber ihrer kleineren Schwester Marie (5;3 Jahre) äußert, die sie danach fragt, wie sie das Bild gemalt habe. Die Schwester würde gerne selbst ein solches Bild malen, wohl in der Hoffnung, auch so viel Aufmerksamkeit von den Eltern zu erhalten. Johanna antwortet: Du musst einfach „Hinten-Bäume“ malen. So tritt an die Stelle einer detaillierten Darstellung der Bäume die sattsam bekannten Klischeeformen.


Juni 05
Johanna, 6; 5Jahre: „Prinzessin mit Baum“

Mit einer Malerei, die vier Monate zuvor entstanden ist, belegt Johanna jedoch, dass sie durchaus in der Lage ist, Bäume differenzierter darzustellen.

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