Dezember 2015

Dezember 01  Dezember 02
Anne, 5;3 Jahre, Wildschweine

Der Blick von oben

Anne zeichnet nach dem Besuch eines Wildgeheges sechs Wildschweine. Sie stellt die Tiere, die bei der sommerlichen Hitze träge auf dem Boden lagen, aus ihrer Sicht als Besucherin von oben herab dar.

Ein solches Vorgehen ist bei Kindern ihres Alters ausgesprochen ungewöhnlich. Entsprechend sonderbar erscheint deshalb die Art der zeichnerischen Wieder-gabe der Tiere. Denn die vier roten bzw. blauen Punkte im Gesicht dürfte wohl mancher ganz spontan als Augen deuten. Erst als die kleine Zeichnerin erklärt, dass mit dem oberen Teil die Schnauze mit den Nasenlöchern und mit dem unteren die Augenpartie gemeint ist, erschließt sich die anatomische Anordnung des einzelnen Tierkörpers.
An dem zuerst am linken Blattrand gezeichneten Wildschwein kann die Vorgehensweise von Anne relativ einfach nachvollzogen werden, da sie zuerst einen roten Filzstift verwendet und danach mit dem blauen Kugelschreiber weiter arbeitet. Mit einem blauen Kreiskritzel schließt sie die Lücke zwischen dem rot gezeichneten Kopf und Körper. Es handelt sich hierbei also um ein Kritzelzeichen mit Verbindungsfunktion. Salopp ausgedrückt: mit dem Kritzel wird der Kopf an den Körper festgebunden. Von Tier zu Tier wird das Kritzelzeichen nicht nur kleiner, sondern auch in der Heftigkeit allmählich so weit reduziert, so dass der Hals ab dem vierten Tier nicht mehr gekritzelt, sondern als Kreis gezeichnet ist, über dem nun die Ohren zusätzlich als kleine Striche dargestellt sind.
Bei dem fünften ausschließlich mit dem Kugelschreiber gezeichneten Tier ist die Schnauze des Tieres in den Kopf integriert. Doch die Figur hat sich insgesamt aufgelöst, so dass alle Bestandteile isoliert sind: Hals und Ohren, Körper und die einzelnen Beine, die in Richtung und Ausdehnung differenzierter dargestellt sind. Darin kann eine neue Gestaltungsabsicht vermutet werden, die jedoch nicht weiter verfolgt wird. Anne schließt die Zeichnung der Wildschweine mit dem sechsten Tier vermutlich aufgrund einer nachlassenden Konzentration mit der Form ab, die sich inzwischen herausgebildet hat.

Dass Anne den Hals besonders beachtet, könnte darin begründet sein, dass bei den Wildschweinen der Übergang von Kopf zu Körper nicht mit einer Zäsur abgesetzt ist, also nicht als Form wahrgenommen wird. Dies wird von Anne als Problem in dem Sinn wahrgenommen, dass hier der Hals offensichtlich zu fehlen scheint.
Der Blick von oben legt die Raumdarstellung von vornherein als Standflächenbild fest. (> Raumdarstellung) Dabei bildet das Zeichenblatt sozusagen den Boden, auf dem die Dinge stehen oder liegen. Ein räumliches Unten und Oben fehlen.

Dezember 03
Lisa, 8;8 Jahre

Anders als bei Anne fehlt bei Lisas Entscheidung, die Welt von oben darzustellen, ein konkreter Hinweis auf einen Anlass. So bleibt lediglich die Spekulation, dass ein Foto, eine Illustration oder ein filmische Szene die Motivation für dieses Thema ausgelöst haben dürfte.
Anders als bei Annes Zeichnung handelt es ich bei Lisas Bild nur zum Teil um ein Standflächenbild, denn die Wolkenansammlung, die Sonne und drei fliegende Vögel befinden sich verständlicherweise nicht direkt auf dem Boden. Lisa verbindet in ihrer Zeichnung also das Standflächenbild mit dem Standlinienbild, bei welchen das Unten und das Oben eindeutig festgelegt sind. Diese Kombi-nation der beiden grundsätzlich verschiedenen Raumdarstellungen verwenden die Kinder sehr häufig.

Dezember 04a  Dezember 04b  Dezember 04c

Zum Standflächenbild gehören der Fluss mit den beiden Wasservögeln, der die Maus jagende Fuchs bzw. Hund und das Schlauchboot mit den an beiden Seiten abgelegten Rudern. Die völlig symmetrische Darstellung der erwähnten Tiere entspricht in konsequenter Weise der Ansicht von oben.

Die meisten Wolken überschneiden sich räumlich. Dieses einfache Prinzip illusionistischer Raumdarstellung kündigt bereits in der Kindheit den Übergang vom zeichenhaften Denken zur abbildhaften Darstellung im wesentlich späteren Jugendalter an.
Dass Lisa auch komplizierte Anforderungen zu lösen vermag, belegt die Zeichnung der drei fliegenden Vögel. So sieht sie sich bereits in der Lage, den vorderen Flügel, der dem Betrachter zugewandt ist, räumlich zu kennzeichnen. Denn dieser überschneidet die Kontur und reicht in den Körper hinein, während der hintere Flügel von der Fläche des Körpers teilweise verdeckt bleibt. Bei den beiden oberen Vögeln erfasst der Blick deren Rückenpartie, da die vorderen Flügel jeweils nach unten geschlagen sind. Beim Vogel darunter erfasst der Blick dessen Unterseite.
An der Darstellung des Flusses ist der Wandel von einer völlig flächenhaften zur raumillusionistischen Wiedergabe bemerkbar. Der Fluss ist als gleichmäßiges breites Band wiedergegeben, das von etwa der Mitte des unteren Blattrandes in schräger Richtung nach oben verläuft. Bei solchen Motiven – vor allem bei schräg gestellten Häusern – macht sich schon das Prinzip der perspektivischen Fluchtlinien spürbar, ohne dass schon Kenntnisse auch nur im Geringsten dar-über vorhanden sind oder diese - abgesehen von seltenen Ausnahmen - vor dem Beginn des Jugendalter angeeignet werden. (> Schrägbild)
Die Ufer des Flusses sind von einer dichten Reihe von Bäumen begrenzt. Sie neigen sich nach unterschiedlichen Richtungen. In einer früheren Phase stehen sie im rechten Winkel zum Ufer, weshalb manche in missverständlicher Weise von Klappungen sprechen, missverständlich deshalb, weil die Kinder die Bäu-me keineswegs umklappen, sondern im rechten Winkel auf eine Standlinie auf-stellen, in diesem Fall auf dem Flussufer. (>R-Rrinzip)
Lisa hat die Phase des rechten Winkels längst hinter sich. Auf dem rechten Flussufer neigen sich die Bäume parallel zum unteren Bildrand, auf der linken Flussseite tendieren sie zur Senkrechten, die in der oberen Bildhälfte teilweise erreicht wird.
Bei der Spur im Gras stehen links neben Fuchs/Hund und Maus auf einer imagi-nären Linie die Grashalme noch im rechten Winkel: auf der rechten Seite wenden sich die Striche zur Senkrechten, wobei die Korrekturen im unteren Teil über die gedankliche Auseinandersetzung der jungen Zeichnerin Aufschluss geben.
Die weitere Entwicklung führt zur so genannten Gesamtaufrichtung. Mit ihr orientieren sich alle Bildelemente auf ein gemeinsames Oben und Unten.

Immer wieder fasziniert die Sicherheit, mit der Kinder Bildelemente zu einer Komposition zusammenfügen. Lisas Zeichnung liegt eine Dreieckskomposition mit einigen parallelen Bezügen zugrunde wie beispielsweise der zum Fluss parallele Verlauf von Mäusejagd, Schlauchboot, fliegende Vögel und Sonne.

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