November 2015

November 01a    
Nora, 3;11 Jahre
 
Emotionaler Anlass: Nora reitet

Nora zeichnet sich selbst mit ihrem geblümten Kleid in der Vorderansicht ohne die geringste Absicht, sich in einer Reithaltung wieder zu geben. Das Pferd sehen wir in der Seitenansicht, da die Kinder in der Regel Tiere in ihrer signifikanten Ansicht darstellen, was bei den meisten Tieren der Fall ist.

Dazu gehört auch die Profildarstellung des Pferdekopfes.
Das zeichenhafte Denken kommt in Noras Zeichnung vor allem in der räumli-chen Zuordnung von Mensch und Tier besonders zur Geltung. Es ist einer Additonsaufgabe vergleichbar:

Pferd plus Mensch = Reiter.

Die räumliche Überschneidung wird noch lange nicht beherrscht, deshalb werden die Striche, die räumlich hinter der Zeichnung der Figur liegen, eben-falls gezeichnet. In der Fachliteratur wird dies als Röntgenbild bezeichnet, was jedoch eine falsche Vorstellung hervorruft. Denn Kinder wissen genau, dass der menschliche Körper nicht durchsichtig ist.
Die Entwicklung der menschlichen Figur befindet sich bei Nora in der Vorstufe zur so genannten gegliederten Vollform. (>Menschendarstellung) Denn Arme und Beine sind noch mit Strichen und nicht schon mit einer Breitenausdehnung wiedergegeben.
Während Nora für die Reiterin ein inzwischen verfestigtes Zeichen für Mensch verwendet, trifft dies für das Pferd in keiner Weise zu. Denn wir sehen, wie es eigentlich zu erwarten wäre keine einheitlich dargestellten Pferdekörper. In diesem Fall handelt es sich um ein völlig ungewöhnliches Vorgehen.

Die Ursache dafür liegt in dem emotionalen Anlass, was am Entstehungsprozess der Zeichnung erkennbar wird. Denn zuerst zeichnete Nora unter dem Pferdekörper das kleine Viereck mit einer Binnenzeichnung von zwei kleinen Vierecken und einem verbreiterten Strich. Es handelt sich dabei um einen der Münzkästen, die an den Pferdeautomaten angebracht sind, die meist vor Kaufhäusern aufgestellt sind. Eltern wissen, dass solche Automaten ein großes Hindernis bei Einkäufen bilden können, denn Kinder sind von diesen Automaten fasziniert und wollen natürlich auf dem Pferd reiten und das nicht nur einmal. Wenn dann noch zwei Geschwister dabei sind, muss halt irgendwann mit dem Füttern der Automatenbox Schluss sein. Es verwundert also nicht, dass Nora ihre Zeichnung mit der Münzbox beginnt, dem Hindernis und Zugang zum Reiterlebnis gleichsam.

 
Von der Box aus zieht Nora einen Strich, den sie zu einer Fläche schließt. Die Tendenz, einen Pferdekörper darzustellen ist entfernt spürbar. Sie nutzt die Fläche zunächst dafür, sich selbst auf diesem "Körper " zu platzieren.

 

Danach zieht sie rechts von ihrem linken Bein einen Strich nach unten, den sie zur Box weiter führt, um von dort aus mit einer durchlaufenden Konturlinie den Hals und den Kopf des Pferdes wieder zu geben. Erst danach zeichnet Nora den Pferdeschwanz, worauf sie schließlich die Beine hinzu fügt.

 

Schweif- und Mähnenhaare ergänzen das inzwischen in den wesentlichen Formen erfasste Motiv der Reiterin.
Ihre linke Hand, die ursprünglich ebenso wie ihre rechte Hand Finger zeigt, deckt Nora mit einem Aktionskritzel zu. Es könnte neben den Mähnenhaaren zusätzlich Halten bedeuten, da auf dem Pferd weder ein Haltegriff angebracht ist, noch Zügel vorhanden sind, Das Kritzel erstreckt sich über die gesamte Vorderseite des Kopfes. Deshalb liegt auch die Vermutung nahe, dass Nora damit auch eine Bewegung des Kopfes, möglicherweise das Schaukeln des Pferdautomaten insgesamt meint.
Dieses Beispiel belegt einmal mehr, dass oft nur die Kenntnis des Anlasses, hier jener des emotionalen, einen ungewöhnlichen Zeichenprozess eine Kinderzeichnung verständlich macht.

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