Februar 2016

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Anne, 1; 5 Jahre, streicht mit heftigen                               Erik, 2; 3 Jahre, verkritzelt die dargestellten
Strichen eines Schwingkritzelns eine                               Figuren auf der Zeichnung seiner ebenfalls
Zeichnung ihrer älteren Schwester Nora durch.             älteren Schwester Emilia, die darüber sehr verärgert ist.  


Bilder verkritzeln, den Erwachsenen ein Ärgernis, den Kindern eine Freude

Das Verkritzeln von Bilder und Texten ist Eltern und Erzieherinnen sattsam bekannt. Es schafft in der Regel meist dann Probleme, wenn es sich dabei z. B. um Illustrationen in kostbaren Kinderbücher handelt.

 

Warum aber tun Kinder dies? Die Antwort: Kinder sind handlungsorientiert. Bilder anzuschauen bedeutet für sie, sich mit diesen auf ihre Art und Weise auseinander zu setzen. Und das heißt: bekritzeln. Nun wird aber ein Überkritzeln von Bild und Text allgemein als ein Durchstreichen verstanden, also als ein Missfallen. In diesem Verständnis müssten sich Anne und Erik über die Zeichnungen ihrer älteren Schwestern ärgern. Genau das Gegenteil ist der Fall. Sie freuen sich darüber, ja, sie sind begeistert und drücken ihre Freude darin aus, dass sie sich mit den Zeichnungen in einer motorisch und haptisch erlebten Aktion befassen. Man betrachte nur das Gesicht von Anne. Missfallen und Ärger sind hier wahrhaftig nicht auszumachen. Im Gegenteil! Auch Erik freut sich darüber, dass seine Schwester sich zusammen mit ihm auf einem Bild darstellt. Über das Motiv berichtet der Vater Folgendes: "Das Motiv bezieht sich auf den Besuch der Freiburger Herbstmesse, bei der beide Kinder einen Luftballon geschenkt bekommen haben. Ursprünglich hatte der Ballon, den Emilia bekommen hatte, die Form eines Herzens. Sie hat das dann wohl umgedeutet.  Eriks Ballon ist leider kurz nach Erhalt bereits platt gewesen." Bei starker Vergrößerung sind die roten Flecken im schwebenden Luftballon eindeutig als Herzen zu erkennen. Auch da  Die Annahme des Vaters dürfte zutreffen, dass die Herzform des Luftballons auf die Kleidung übertragen wurdet.

Um die Frage nach der Ursache des Verkritzelns zu beantworten, sollen zunächst die in der Regel allgemein negativ bewerteten Überkritzelungen unvoreingenommen unter einem formalen Gesichtspunkt betrachtet werden.

An der Buntstiftzeichnung von Emilia ist das am einfachsten zu bewerkstelligen. Mit ihr stellt Emilia sich selbst und Erik jeweils mit einem Luftballon dar. Emilias Luftballon schwebt in der Luft, Erik hält seinen, der seine Form bereits verliert, mit einer Hand vor dem Körper. Die heftigsten Kritzeleien zeigen die Köpfe der Geschwister und der schwebende Luftballon. Von Eriks Kopf führt ein Kritzelstrich zum Hemd und Ballon. Von Emilias Kopf verläuft ein Linie über den mit roten Herzen geschmückte Pullover zur blauen Hose und den Schuhen von Erik, die jeweils mit einem kleineren Kritzelzeichen besonders betont werden. Mit einem Kritzel über Emilias Fuß links führt Erik den Strich zum anderen Fuß und weiter auf den Boden bis zum rechten Rand. Die Betonung der Schuhe und die gestrichelte rote Linie lassen vermuten, dass die beiden Kinder nicht stehen, sondern gehen. Es ist eine der möglichen Lösungen, das Gehen darszustellen, solange die Profildarstellung noch nicht beherrscht wird.

Erik markiert also keine x-beliebige Stelle auf dem Bild, sondern einzelne inhaltlich bedeutsame Zeichen wie Kopf, Ballon oder Schuhe. Köpfe und linker Luftballon weisen die heftigsten Kritzelzeichen auf, womit deren größere Bedeutung für Erik offensichtlich wird. Mit den Strichen, die von Köpfen wegführen, werden noch andere Bildelemente berücksichtigt, die ebenfalls Eriks Interesse wecken.

Aus diesen formalen Feststellungen kann die Ursache des Verkritzeln hergeleitet werden: Beim Betrachten von Bildern wandern die Augen ständig von einer Stelle zu einer anderen, was als die Fixationsbewegungen der menschlichen Wahrnehmung bezeichnet wird. An den Überkritzeleien von Kindern kann deshalb oft die die Abfolge der Wahrnehmung nachvollzogen werden. Die unterschiedliche Heftigkeit und Dichte der Strichführung ihrerseits gibt Auskunft, welche Bildelemente eine hohe bzw. geringere Bedeutung für das kritzelnde Kind besitzen.

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Mädchen, ca. 3 Jahre

Im Folgenden sollen weitere Beispiele das beschriebene Phänomen bestätigen. Während Anne die relativ kleine Zeichnung eines Gesichts insgesamt überkritzelt, gibt die detaillierte Fotographie des Porträts eines Kleinkind einem etwa dreijährigen Kind die Möglichkeit, die einzelnen Detail genauer zu betrachten, d. h. zu verkritzeln. Da der Vorgang nicht dokumentiert ist, kann eine exakte Reihenfolge der einzelnen Kritzelzeichen nicht mit Sicherheit nachgewiesen werden. Offensichtlich ist lediglich die Abfolge Mund, Auge, zweites Auge, blondes Haar und mit einem langen Strich nach unten zum Text.  

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Mädchen, ca. 3 Jahre

Die beiden von einem ca. dreijährigem Mädchen verkritzelten Seiten eines Kinderbuches belegen, wie unterschiedlich Illustrationen von ein und demselben Kind wahrgenommen werden. Einmal richtet sich die Aufmerksamkeit auf das gesamte Bild, ein ander Mal nur auf ein einziges Motiv.

Mit zwei großen Bögen erfasst das Mädchen die gesamte Gestalt des Elefanten. Es beginnt mit dem Kritzelzeichen neben der rote Zahl 1 in der linken oberen Ecke,´und führt den Strich übner Rücken Kopf und Rüssel bis zu den vorderen Rädern des Plattenwagens, bricht ihn jedoch nach einem kurzen Bogen ab, der den Strich eigentlich zum linken Bildhälfte zurückführen soll. Zu sehr ist das Mädchen von der kleinen Maus fasziniert, die auf den HInterbeinen stehend zum dem erhobenen Vorderbein des Elefanten blickt. Dieser Winzling scheint keine Angst zu haben. Selbst das erhobene Vorderbein des Elefanten empfindet das kleine Tier offensichtlich nicht als Bedrohung und Gefahr. Nachdem die Maus in gebührender Weise verkritzelt ist, führt das Mädchen den ursprünglichen Strich über die Unterseite des Bauches weiter bis zum Schwanz, wo es mit einem Kritzel in der Weise abschließt, wie es begonnen haytte. Ein zweiter großer Bogen, dessen Anfang an der Unterseite des Bauches leicht zu erkennen ist, verläuft über den massigen Körper, den Kopf bis zum Rüssel, der mit einem Kritzel betont wird. Ein kurzer Strich zum Ohr den Kopf des Elefanten.

Mit dem das Format füllenden äußeren Bogenstrich erfasst das Mädchen die gesamte imponierende Größe des Elefanten, mit dem kleineren Strich die Binnenformen Körper, Kopf mit Ohren und Rüssel. Auch der Gegensatz von riesengroß zu klitzeklein dürfte das Mädchen erfahren haben, zumindest im direkten Wortsinn: mit dem Kugelschreiber "erfahren".

Bei einer anderen Illustration in demselben Kinderbuch richtet das Mädchen seine Aufmerksamkeit auf ein einziges Detail, den Lokführer in der alten Dampflokomotive. Alles andere scheint nicht so interessant, um es mit Kritzelzeichen visuell zu markieren.


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Felicitas, ca. 2 Jahre

Felicitas verkritzelt fast alle Seiten ihres illustrierten Kinderliederbuches. Die Striche auf der Abbildung links entsprechen der Vorgehensweise von Erik. Im Gegesatz dazu verwendet Felicitas Farbstifte, die sich in ihren Farbwerten auf die Abbildung beziehen, auf Bekleidung des vom Ziegenbock umgestoßenen Mannes: blau für Hose, Rot für die Weste. Es findet hier also mittels der Farbe eine Identifikation mit einem Motiv der Illustration statt.

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Viviana, 2;8 Jahre: Dreirad und Hund

Dass sich solche Farbe-Motiv-Bezüge gelegentlich auch bei anderen Kritzelzeichen bemerkbar machen, belegt das Bildbeispiel von Viviana. Dazu berichtet die Mutter: "Der Hergang war folgender: sie zeigt auf die braune Figur und sagt: 'das ist ein Hund.' Ich schreibe Hund darunter, worauf sie selber noch mal Hund schreibt. (die kleinen braunen Hiebkritzel) und dann (wohlgemerkt mit blauem Stift, den sie auch vorher hatte) Dreirad unter die blaue Figur.“

Kehren wir nun zu der von Felicitas gestalteten Kinderbuchseite zurück. Neu ist das Verkritzeln der Noten. Das mag zunächst eher als zufällig erscheinen, hätte Felicitas nicht auf einer anderen Buchseite (Bild rechts) vor allem die Noten mit heftigen Strichen überkritzelt, während andere Bildmotive mit Ausnahme der Rose unbeachtet bleiben. Die Ursache dafür liegt offensichtlich darin begründet, dass Felicitas Musiknoten zum ersten Mal bewusst wahrnimmt.

Fazit:

Kinder verkritzeln Bilder unterschiedlichster Art in einer spezifisch kindlichen Art ästhetischer Aneignung, die jedoch völlig unbewusst geschieht. Dabei lösen Emotionen, gelegentlich gepaart mit sachlichem Interesse das Kritzeln aus:

Für Anne ist der Anlass ausschließlich die Freude an der Zeichnung der älteren Schwester. In ihrer Begeisterung streicht sie mit Ihrer Kritzelei die relativ kleine Zeichnung völlig zu.
Auch bei Erik spielt die Emotion eine entscheidende Rolle. Er empfindet mit dem Kritzeln die gemeinsam mit seiner Schwester erlebte Situation nach und kritzelt, d. h. markiert alle Bildelemente in der Zeichnung.
Bei dem Werbebild einer Babynahrungsfirma ist das Mädchen von dem abgebildeten Kind fasziniert und spürt mit seinem Kritzeln den Details des Porträts nach.
Bei der Illustration der Begegnung der Maus mit dem Elefanten erfasst das dreijährige Mädchen die wesentlichen Aussagen der Illustration: Außen- und Binnenform des Elefanten, Konfrontation von Klein mit Groß. In Worte gefasst würde die Interpretation eines Erwachsenen kaum ein wesentlich anderes Ergebnis ergeben. Besondere Aufmerksamkeit erregt alles Unbekannte wie die Musiknoten, die Felicitas zum ersten Mal bewusst wahrnimmt. So lösen Entdeckungen bzw. neue Erkenntnisse Kritzeln aus.

Konsequenzen

Verständnis für das Verkritzeln von Bildern zu schaffen heißt nicht automatisch, Einverständnis einzufordern. Kinder sollen durchaus lernen, dass nicht Alles verkritzelt werden darf. Mit einem bloßen Verbot ist es jedoch nicht getan. Denn KInder greifen beim Betrachten von Bildern geradezu reflexhaft zu Stiften, wenn sie einzelne Motive markieren wollen selbst, wenn sie nicht nur ein Mal mit Verboten oder freundlichen Bitten dazu aufgefordert werden.

Konsequenz ist hier besonders erforderlich. Verkritzeleien in Büchern zu tadeln, jedoch auf Werbebildern, bei Werbeprospekten und Zeitungen unkommentiert zu lassen, ist insofern inkonsequent, weil Kinder zwischen schützenswerten Büchern und billigen Printmedien nicht unterscheiden können.

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