Januar 2016

Schließungsphase in der Entwicklung vom Kopffüßler zur gegliederten Figur

Um eine in Kopf und Rumpf gegliederte Figur darstellen zu können, muss das  Schemazeichen des Kopffüßlers aufgegeben werden. Der Wechsel zur differenzierteren Menschendarstellung erfolgt jedoch nicht abrupt, sondern erfolgt über einen längeren Zeitraum und auf recht unterschiedlichen Wegen. Den Kindern ist zu Beginn dieser Entwick-lung überhaupt nicht bewusst, dass sich eine grundsätzliche Änderung ankündigt.

01
Laura, 4;6 Jahre, zeichnet ihren Bruder Robert.

Einer der oben erwähnten unterschiedlichen Wege macht sich in dem Bedürfnis bemerkbar, offene Formen zu schließen.
Laura zeichnet von der rechten Seite aus einen großen Bogen, der den Kopf wiedergeben soll. Sie führt jedoch den Strich nicht zum Ausgangspunkt zurück, sondern verbindet beide Endpunkte des Bogens mir einem leicht gebogenen Querstrich. Danach zeichnet sie zuerst das rechte, dann das linke Bein. Die Lücke zwischen den Beinen schließt sie mit einem Strich und zusätzlich noch mit einem Schließungskritzel. In der solchermaßen erzielten geschlossenen Fläche sieht Laura noch nicht die Darstellung des Körpers.

02
Nora 3;10 Jahre, zeichnet sich, wie
sie auf den Schultern ihres Vaters sitzt.

Nora zeichnet, wie es uns bei Kopffüßler vertraut ist, zuerst den Kopf und setzt danach die Beine an. Zuerst ist das rechte Bein an der Reihe. Als sie das linke gezeichnet hat, bemerkt sie die Lücke zwischen den Beinen. Das kann und darf nicht sein. empfindet sie. Also schließt sie die offene Stelle mit einem Querstrich. Jetzt stellt Nora aber fest, dass die Beine fehlen. So zeichnet sie nochmals einen Strich für das linke Bein und vermeidet mit einem Bogen, dass erneut eine offene Fläche entsteht. Jetzt fehlen aber wieder die Beine. Fast zwanghaft wiederholt sie den beschriebenen Vorgang nochmals mit zwei kleineren Formen, bis der untere Blattrand Nora von der Lösung des unauflösbaren Konflikts befreit, Beine darzustellen und Lücken zu vermeiden.
Diese Art der wiederholten Schließung findet sich relativ oft in der Kinderzeichnung.
Im Gegensatz zu Laura vollzieht Nora bereits den nächsten Schritt. Denn in das obere Viereck zeichnet sie zwei Hemdtaschen. Sie kennzeichnet damit  - übrigens zum ersten Mal - diese Form als Teil des Körpers.
Nora sitzt auf den Schultern ihres Vaters. Die beiderseits des Kopfes verlaufenden Striche könnten als die herabhängenden Beine oder als die haltenden Arme gemeint sein.
Wenige Tage, bevor die Zeichnung entsteht, war der Vater am Ohr operiert worden. Das will Nora mit dem schwarzen Fleck im Ohr mitteilen.

03b 03c
Kopffüßler                                Schließungsbedürfnis                 Beine werden angefügt.
Anne-Gertrud, 4;6 Jahre: Puppe

Anne-Gertrud zeichnet einen Kopffüßler dessen Hände und Füße jeweils mit einem im rechten Winkel über Arme und Beine verlaufenden kurzen Strich dargestellt sind. Aber selbst gegenüber diesem eigentlich mit allen wesentlichen Bestandteilen ausgestatteten Kopffüßler setzt sich das Schließungsbedürfnis durch. Mit einem halbkreisförmigen Bogen schließt Anne-Gertrud die Lücke und stattet anschließend die Figur mit zwei Beinen aus.
Im Gegensatz zu Laura und Nora befindet sich Anne-Gertrud am Anfang der  Entwicklung zur gegliederten Figur. Das Schließungsbedürfnis macht sich zwar bereits bemerkbar, dominiert jedoch die Zeichnung noch nicht.

Das Bedürfnis Formen zu schließen, tritt bereits in der Kritzelphase bei den Kreiskritzel auf, also bei bereits geschlossenen Formen, die noch zusätzlich mit einem Schließungskritzel versehen werden. (>Kritzelzeichen/Schließungskritzel)

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